Leben feiern

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Leben feiern

Die Pflegerin erzählt mir, sie hätte den einen der Brüder wieder getroffen, dessen Mutter ich gleich Anfang des Jahres beerdigt hatte. Die Brüder hatten die Mutter zu Weihnachten aus dem Heim nach Hause geholt. Es war nicht sicher, ob die 87jährige noch ein weiteres Weihnachten erleben würde. Die alte Mutter hat danach der Pflegerin von diesem Abend erzählt. Die Enkel haben gesungen, die Tafel war festlich, alle haben sich ganz liebevoll um sie gekümmert – und immer wieder bekam sie beim Erzählen feuchte Augen. Ein Fest des Friedens und der Familie, wie man es besser kaum haben kann, versicherte die Dame ihrer Pflegerin. Wenige Tage später wurde Covid 19 bei ihr festgestellt und sie starb sehr bald danach. Woher die Infektion gekommen war, konnte nie geklärt werden. Beim Beerdigungsgespräch baten die Brüder mich, die Todesursache nicht zu erwähnen. Sie wollten die Schuldfrage nicht in den Raum stellen. Jetzt, kurz vor Weihnachten ein Jahr darauf, steht sie doch da und quält die Familie, sagt die Pflegerin: Hätte die Mutter noch länger gelebt, wenn sie dieses für alle wundervolle Fest nicht erlebt hätte? Ist die Länge des Lebens wichtiger als es zu feiern? Auch eine Form von Longcovid, denke ich, und lese die Herrnhuter Losung: „Meine Zeit steht in Deinen Händen." (Psalm 31, 16) und „Wer von euch vermag mit seinem Sorgen seiner Lebenszeit auch nur eine Elle hinzuzufügen." (Lukas 12, 25) Ist wohl kein Impfstoff, hält aber vielleicht die Schuldfrage auf Abstand.

 

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