Geschrei

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Geschrei

Die Frau ist so klein und schmal, über ihr hebt sich die Bettdecke kaum. Auf einem Auge kann sie noch ein wenig sehen. Dem Hörgerät fehlt die Batterie. Auf dem Schwenktischchen liegt eine Bibel mit etlichen Lesezeichen drin und sie möchte von mir wissen, wo nochmal das Vaterunser steht. Ich schlage Lukas auf, rücke ihr näher und schreie die Stelle in ihr Ohr. Ich hoffe, es ist für sie mehr Gebet als für mich. Sie greift beiläufig nach meiner Hand. Das ergreift mich. „Können Sie mich anfassten?" fragt sie viel zu spät. „Ja, gern." brülle ich. Dann wird es leise intim. Ich bin überrascht. Sie lehrt mich zu genießen, dass mir die Hände gebunden sind. Dann erhebt sich das Vaterunser aus dem Schweigen Hand in Hand noch einmal. Und es ist Gebet wie noch nie. - „Höre die Stimme meines Flehens, wenn ich zu dir schreie, wenn ich meine Hände aufhebe zu deinem heiligen Tempel." (Psalm 28, 2) Ich war in letzter Zeit selten so dankbar für meinen Beruf.

 

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Samstag, 15. Juni 2024

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Hauptkirche St. Trinitatis Altona

Kirchenstraße 40
22767 Hamburg

Vertreten durch:

Pastor
Torsten Morche

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