Die Seuche und die Moral

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Die Seuche und die Moral

Er bat um Entschuldigung: es täte ihm so leid, dass er vielleicht alle in Gefahr gebracht habe, die mit am Tisch saßen. Er hätte mehr Vorsicht walten lassen müssen. Er hätte der Ahnung folgen sollen, dass vielleicht doch nicht alles in Ordnung sei… - R. hatte sich eine Coronainfektion zugezogen und war in Quarantäne gegangen. Die Zeit lief eher ab als sein PCR-Testergebnis bei ihm eintraf. Aber allen Vorschriften war Genüge getan, so kam er wie verabredet in die Runde. Kaum war er wieder zu Hause, blinkte sein Testergebnis rot auf. Als er mir das mitteilte, klang es, als empfinde er eine persönliche Schuld, einen moralischen Makel. Und nicht zum ersten Mal denke ich: Das Virus ist eine Naturkatastrophe. Kategorien wie Schuld und Moral im Umgang damit sind da so unangemessen wie bei einem Erdbeben. Das Gerede vom Masketragen oder Impfen als Ausdruck der Nächstenliebe hat alles durcheinander gebracht. Jetzt ist die Seuche mit Moral durchseucht, mit der Frage nach - und schlimmer noch: mit dem empfinden von Schuld, und wir kriegen das nicht mehr von den Händen desinfiziert und nur schwer aus den Seelen geseelsorgt. Es gibt auch Elend und Tod ohne spezifische Schuld. Jesus war da ziemlich klar: „…meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen seien als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen?" (Lukas 13, 4) und Er verneint das. Es gibt Türme, die bei aller Baukunstfertigkeit einfach umfallen und Menschen erschlagen. Und es gibt Viren, die verbreiten sich trotz aller Vorsicht undmachen Menschen manchmal krank. – Übrigens ist in unserer Runde niemand infiziert worden.

 

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