[Update vom 10. Juli] In Hamburg ist G20 und wir sind mitten drin

veröffentlicht am 10.7.2017

Liebe Leserinnen und Leser,

dass der G20 nach Hamburg kommen würde, war seit Monaten klar. Mir ist niemand begegnet, der das gut findet, aber vielleicht verkehre ich ja nicht in den richtigen Kreisen. „Meine“ Kreise wurden nicht um ihre Zustimmung gebeten, wir konnten diese Entscheidung nur hinnehmen.

Klar: Wer miteinander redet, schlägt nicht so schnell aufeinander ein. Aber warum in Hamburg, warum in unmittelbarer Nähe zu dem Viertel, dass seit Jahren nicht dafür bekannt ist zu entspannen, wenn es um Politisches geht?

Meiner Meinung nach war das, was Hamburg dann ereilt hat, eine Katastrophe mit Ansage. Das ging schon beim rüden Auftritt der Polizei auf dem Entenwerder los. Ich habe nicht daran geglaubt, dass die Demonstranten danach wieder nach Hause fahren oder sich gar in Luft auflösen würden. Sie werden, wenn sie nicht dort oder im Stadtpark bleiben können, andere Schlafplätze suchen und bei der Suche wird ihnen möglicherweise der Platz um unsere Kirche St. Trinitatis auffallen: So dicht am Fischmarkt, gleich neben St. Pauli mit Schanzenviertel und Reeperbahn.

Am Dienstag, den 4. Juli hatte ich als der neue Pastor die erste Sitzung mit dem Kirchengemeinderat. Wir haben das Thema G20 kurzfristig auf die Tagesordnung genommen und diskutiert und waren nicht von Anfang an der Meinung, wir könnten Schlafplätze zur Verfügung stellen. Machen wir uns nicht strafbar? und bei den Nachbarn unmöglich? Und wenn sich gewaltbereite Chaoten unter die mischen, die wir auf unser Gelände lassen? Ja, auch Angst um unsere Kirche stand im Raum. Aber Angst kann nicht diejenigen bestimmen, die zu Dem gehören, Der sagt: „Fürchtet euch nicht!“

In meiner Biografie spielt der Zusammenbruch der DDR eine große Rolle. Wäre Kirche damals nicht bereit gewesen, jahrelang Räume zur Verfügung zu stellen, in denen wir Demokratie eingeübt haben, Neues und Anderes als das Vorgegebene denken und sagen durften, und wenn Kirche damals nicht auch immer mal am Rande des Legalen operiert hätte – möglicherweise hätte das SED-Regime noch länger durchgehalten. Davon habe ich in der KGR-Sitzung erzählt.

Wir haben uns überzeugen lassen: Wir werden niemanden herbeirufen, aber wenn Menschen kommen und auf unseren Wiesen schlafen wollen, werden wir nichts dagegen unternehmen, solange es friedlich ist und die Kirche keinen Schaden nimmt.

Dieser Beschluss kam zur rechten Zeit, denn schon am folgenden Nachmittag kamen drei Männer ins Gemeindehaus Kirchenstraße und fragten nach dem Pastor, ob er es denn wohl erlauben würde, wenn sie hier ein Camp errichteten. Nun, erlauben kann ich es nicht, sagte ich, aber ich werde es auch nicht verhindern. Und dann erlebte ich Erstaunliches: Innerhalb weniger Stunden wurden Toiletten und eine Waschrinne errichtet, ein Küchenzelt und eine Sani-Station entstanden und nach und nach füllte sich der Platz mit Zelten, vor allem östlich der Kirche. Ich bekam die Telefonnummer eines Verbindungsmannes und konnte verfolgen, wie eine selbstorganisierte Infrastruktur in Betrieb ging. Das Einzige, was diese Menschen von mir wollten, waren einige Kanister Trinkwasser, weil sie ihren Schläuchen, die das Wasser aus einem Hydranten heranführten, nicht recht trauten, und einen sicheren Ort für Wertsachen für alle Fälle.

Gar nicht lange nach dem Eintreffen der Vorhut waren auch schon die Beamten von der Mörkenstraße da, fragten, ob ich einverstanden bin mit dem, was da gerade auf dem Kirchengelände passiert und nahmen meine Personalien auf. Seither sind die Menschen nur sehr wenig mit der Polizei in Kontakt gekommen und ich danke den Sicherheitskräften für die Zurückhaltung, die sie rings um die Kirche übten. Ich hörte, dass es andernorts auch andere Szenarien gibt, die sehr viel Nervosität verursachen.

Seit Mittwochnachmittag habe ich den Platz nicht mehr verlassen. Meine Frau hat mich kurzfristig mit allem Nötigen versorgt und eine Matratze war mir von unserer Gemeindesekretärin gezeigt worden. Zunächst wollte ich die Dinge im Auge zu behalten. Aber als ich es mir zur Gewohnheit gemacht hatte, mehrmals täglich einfach über den Platz zu gehen, hatte ich meine helle Freude an diesen jungen, freundlichen, entspannten Menschen, hatte viele Gespräche und kam zu der Überzeugung: Der Mut des KGR hat unserer Gemeinde einen sehr guten Stand bei diesen friedlichen und engagierten Demonstranten eingebracht. Sie erzählten mir, dass auch Nachbarn und Anwohner vorbeigekommen sind, sich begeistert zeigten von dieser Aktion, spontan Geld spendeten und ihr Duschen anboten. Aus einer Gruppe heraus sagte eine junge Frau zu mir: Solange Sie hier sind, fühlen wir uns sicher. Für mich auch ein Grund, vor Ort zu bleiben, denn darum geht es inzwischen über das Gewährenlassen hinaus: Einen Schutzraum zu geben, Sicherheit zu vermitteln vor unangemessenem Verhalten Seitens der Sicherheitskräfte, das viele unserer Gäste in den zurückliegenden Tagen erlebt oder beobachtet haben.

Mitglieder des KGR haben sich auch ein Bild gemacht von der Stimmung im Camp, die irgendwie an ein Pfadfinderlager erinnert. Mich ärgert es, dass die Medien gefesselt auf die Ausnahme-Wirklichkeit der Exzesse im Schanzenviertel starren und dabei gänzlich übersehen, dass es auch diese Wirklichkeit gibt: Menschen, die Ihre Meinung kundtun wollen, sich dazu mit vielen anderen zusammentun und froh und dankbar sind, wenn sie einen sicheren Schlafplatz haben, mit Gleichgesinnten reden und Erfahrungen austauschen können.

Inzwischen leert sich der Platz. In Spitzenzeiten hatten wir etwa 350 Menschenkinder in über 100 Zelten hier, von denen unsere Nachbarn nachts nichts, gar nichts hörten, und wo inzwischen abgebaut ist, auch nichts mehr sehen außer platt gedrücktem Rasen. Ich denke, ein Junggesellenabschied auf der Reeperbahn hinterlässt mehr Müll auf der Straße als diese Menschen zusammen auf unserer Wiese. Von ihnen ließen sich am heutigen Sonntagmorgen auch 12 in den Gottesdienst einladen, der ihnen und den anderen Gottesdienstbesuchern die Möglichkeit bot, Steine auf dem Altar abzulegen für das Unerträgliche der Nächte vorher und eine Kerze anzuzünden für die Zeichen, die hoffen lassen. Viele haben die Gelegenheit genutzt, ihre Gefühle und Gedanken mit uns allen zu teilen. In einem Eintrag im Gästebuch der Kirche las ich:  „Seit meiner Schulzeit besuchte ich keinen christlichen Gottesdienst mehr, … aber Ihr gewährtes Kirchenasyl war klasse, nochmals vielen Dank…“

Und übrigens: Das Essen, was im offenen Küchentrakt des Camps in riesigen Töpfen und Pfannen mit riesigen Kellen und Wendern gekocht und gebraten wird, verbreitet immernoch einen ausgezeichneten Geruch im ganzen Camp und sieht so gut aus, dass ich nicht widerstehen konnte, probiert habe und bezeugen kann: unsere Gäste verstehen was davon.

PS:

Es ist Montagmorgen und nur noch die Abbau-Crew auf dem Platz. Die vergangene Nacht war die unruhigste der ganzen Zeit. Zwischen 2.30 Uhr und 3.30 fuhren zwei Mal 4 Mannschaftswagen der Polizei vor und erzeugten bei den verbliebenen 50 Leuten im Camp einige Aufregung. Angeblich hatte ein besorgter Bürger einen Böller gehört und vermummte Gestalten gesehen. Niemand auf dem Platz hatte etwas gehört, die Nachwache vom Camp hatte auch niemanden gesehen, auf den die Beschreibung gepasst hätte. Nach einem erstaunlich kurzen Wortwechsel mit mir ist die erste Einheit sofort wieder eingestiegen und abgefahren. Aus der zweiten Einheit waren nur wenige bis an die Grundstücksgrenze gekommen und einer kommentierte meinen Hinweis auf das Hausrecht mit: „Na, da haben Sie ja eine tolle Kirche hier.“ Ich nehme das als Kompliment.

Ihr Pastor Torsten Morche                                                                                       10. VII 2017

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