Experiment für Zukunft

veröffentlicht am 4.10.2017

Auf den Grundstücken von Kirchengemeinden wurden während des G20 Protestcamps geduldet. Für Pastor Torsten Morche von der St. Trinitatis Kirche eine erhellende Begegnung mit einer Utopie im Praxistest.

Die Zelte um die Kirche St. Trinitatis waren ein Hingucker. Über 100 waren es in Spitzenzeiten, 350 Menschen beherbergten sie; zusammen mit Küchenzelt, Sani-Zelt, selbstgebauten Toiletten und Waschanlagen eine beeindruckende Infrastruktur für mich, den Pastor dieser Gemeinde. Aber die 350 Menschen waren kaum zu hören. Nur die Durchsagen über Lautsprecher drangen manchmal bis in mein Büro. Sie forderten Camp-Bewohner_innen zur Mithilfe in dieser und jener Angelegenheit auf und luden zu Zusammenkünften ein. Und als am Montag alle weg waren, war außer platt gedrücktem Rasen auch nichts mehr zu sehen. Selbst die Kippen, die sie gar nicht hatten fallen gelassen, waren weggesammelt. Tourist_innen und manche Hundebesitzer_innen sind da ganz anders.
Seit dem Mittwoch der G20-Woche hatte die Gemeinde St. Trinitatis das Protestcamp geduldet und die Menschen als Gäste behandelt. Ich hätte mir weitaus unsympathischere vorstellen können. Aber diese waren freundlich, fröhlich und höflich. Wir hatten als Kirchengemeinde ja durchaus Bedenken, was für Leute wir da eventuell auf den Platz lassen: linke Chaoten oder welche vom Schwarzen Block? Man weiß es ja nie. Aber mich würde es sehr wundern, wenn rauskäme, dass solche bei uns untergekrochen sind.

Durch einen Brief, den ich später bekam, löste sich diese Befürchtung letztlich in Luft auf. Er öffnete mir nämlich die Augen über die Hintergründe dieser für mich so besonderen Atmosphäre in den G20-Tagen um die Kirche herum: Denn während in den Messehallen Machtfülle und in der Schanze nackte Gewalt zelebriert wurden, lief bei uns ein soziales Selbstexperiment. Die Schreiberin bedankt sich in ihrem Brief für unsere Gastfreundschaft und fährt fort: „… wie wir über die Zeit dort gemeinsam gelebt haben, spiegelt nämlich einen Teil dessen wider, wie wir uns ein gutes Miteinander vorstellen – sozusagen ein Stück Utopie in der Praxis. Diese Idee beruht grundsätzlich auf einem gleichberechtigten gemeinsamen Leben in einem diskriminierungsfreien Raum, in dem alle aufeinander achten und ein Stück gemeinsamer Verantwortung und damit in Verbindung stehende Aufgaben übernehmen.“ Ich erfahre etwas von der durchdachten Kommunikationsstruktur des Camps, den Instrumenten der Selbststeuerung und der Stressbewältigung. Am Ende schreibt sie: „Fest steht für mich, dass es eine sehr gute Zeit für mich auf dem Camp war und dass ich voll von Erfahrungen zurückgekehrt bin …“

Von den Erfahrungen der Briefschreiberin wird leider kaum jemand etwas hören. Ich gehe davon aus, dass 350 Menschen ähnlich empfinden wie sie, aber die großen Medien haben sich in die Randalierer in der Schanze verguckt und jede Menge Bilder von ihnen in die Welt hinausgeschickt. Die weiß nun, dass in den Tagen des G20 die Schanze gebrannt hat, aber nichts über ernsthafte Versuche, gewaltfreie Lebensformen in der Praxis zu erproben und alltagstaugliche Erfahrungen zu sammeln, die in die Tiefe wirken, Herzen verändern und Sprache abrüsten. Mir und der Kirchengemeinde St. Trinitatis ist viel gedankt worden für den Mut und die Entschlossenheit, das Camp zu dulden. Ich danke nun denen, die ihr Experiment auf unserer Wiese durchgeführt haben, für ihren Mut, ihren Ernst und ihre Unverdrossenheit. Denn ich kann sagen, ich war dabei, als etwas von unserer Zukunft aufblitzte. Und damit die Bilder der Gewalt nicht das letzte Wort haben, werde ich davon erzählen, so viel ich kann.

Torsten Morche
Pastor von St. Trinitatis – Kirche am Fischmarkt